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Chemie zwischen Charakteren – Ein Howto von Autorin Kat Reid

Liebesgeschichten stehen und fallen mit ihren Protagonisten und der Chemie zwischen ihnen. Romance-LeserInnen wollen die Anziehungskraft spüren, mit den Figuren zusammen Bauchkribbeln und Herzflattern kriegen. Aber wie genau erschaffen AutorInnen diese Chemie zwischen den Charakteren? Ein Patentrezept, das für alle AutorInnen funktioniert, gibt es sicher nicht, aber Autorin Kat Reid verrät, welche Methoden sie erfolgreich anwendet.

Header: Chemie zwischen Charakteren

Setzt die Charaktere auf eure Therapiecouch.

Das Allerwichtigste: Jede Figur muss ausgearbeitet werden. Jede Macke und jede Vorliebe meiner Charaktere verändern die Chemie zwischen ihnen. Deshalb werde ich zunächst einmal zur Psychologin meiner Figuren. Was sind ihre Wünsche? Ihre tiefsten Ängste? Ihre größten Verletzungen? Wie ist ihr Leben bisher verlaufen? Wie war die Kindheit? Wie verliefen frühere Beziehungen? Die allermeisten Antworten auf diese und andere Fragen schaffen ihren Weg nie bis in den fertigen Roman, aber das ist auch nicht wichtig.

Wichtig ist, dass ich meine Charaktere so gut kenne, als wären sie meine besten Freunde. Erst dann lasse ich sie aufeinander los.

Und dann stelle ich mir folgende Fragen: Warum verlieben sich ausgerechnet diese beiden ineinander? Was berühren sie im jeweils anderen? Welche alten Verletzungen triggern sie? Was können sie voneinander lernen? Was fordert sie am jeweils anderen heraus?

Genau hieraus entstehen Konflikte und große Gefühle. Jemand, der nichts in meiner Figur berührt oder an ihren wunden Punkten rüttelt, wird nie große Gefühle in ihr auslösen. Weder positive noch negative. Meine Figuren fühlen sich nicht grundlos zueinander hingezogen: Es müssen viele Gemeinsamkeiten, aber auch Reibungspunkte vorhanden sein – dann ist ein Großteil der Chemie schon vorprogrammiert.

»Zac?«, sagte sie zögerlich.
»Hm?«, brummte er ohne die Augen zu öffnen.
»Wie hast du dich gefühlt, bevor du mich kennengelernt hast?«
Abrupt blieb er stehen, schlug die Lider auf und wandte sich Fio zu. Er runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf?«
»Du hast vorhin erwähnt, dass du dich nie wieder so fühlen willst, wie bevor du mich kennengelernt hast«, antwortete Fio. »Und jetzt würde mich interessieren, wie du dich davor gefühlt hast.«
Sie versuchte, ihm in die Augen zu blicken, doch Zac wich ihr aus und starrte auf seine Füße. Sein Arm glitt von Fios Schulter und er vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeans, während er einen Schritt von Fio zurücktrat. Von jetzt auf gleich war es, als hätte er eine Festung um sich errichtet, zu der er Fio keinen Zutritt gewährte. Seine Gesichtszüge waren wie versteinert, als sein Blick in die Ferne schweifte und irgendwo verweilte, wohin Fio ihm nicht folgen konnte.

Auszug aus “Dark Wings” von Kat Reid

Chemie zwischen Charakteren 2

Show, don’t tell: Bauchkribbeln muss man fühlen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Show, don’t tell. Chemie entsteht erst, wenn die Leserin oder der Leser sie fühlt. Deswegen schreibe ich zum Beispiel nicht von irgendeiner mystischen Anziehungskraft, der beide nicht widerstehen können – stattdessen schreibe ich von hüpfenden Herzen, ausgelöst durch einen einzigen Blick, einem warmen Kribbeln im Bauch, wenn er sie flüchtig berührt, oder glühender Wut, wenn er es mit einem Wort schafft, dass sie ihm am liebsten den Kragen umdrehen würde. Achtung: In so einem Fall sollte es ein wohl gewähltes Wort sein, das einen empfindlichen Punkt anstößt, womit wir wieder bei den alten Wunden und seelischen Narben der Charaktere wären.

»Wenn du mir jetzt sagst, dass ich schon mal besser ausgesehen hab«, begann sie und grinste schwach, »dann sage ich dir, dass mich irgendein Kerl mit Blut vollgeschmiert hat und das nur daran liegt.«
Er schmunzelte. »Was für ein Idiot.«
»Ich mag den Idioten.«
»Der Idiot mag dich auch. Sehr sogar.«
Dass das eine maßlose Untertreibung war, behielt er lieber für sich. Er kannte sich mit solchen Dingen nicht aus, aber wenn ihm irgendetwas klar geworden war in der vergangenen Nacht, dann, dass er Fiona … nun ja, wahrscheinlich konnte man sagen, dass er sie liebte.
Als sie ihn jetzt anlächelte, explodierte etwas in seinem Bauch – ein ganzes Feuerwerk an Glückshormonen stob auseinander. Fiona hob ihre Hand und strich mit den Fingerknöcheln über Zacs Wange, hauchzart nur und dennoch fühlte es sich an, als würde sie durch seine Haut hindurchfassen und in ihn eintauchen, so sehr prickelte die Stelle.

Auszug aus “Dark Wings” von Kat Reid

Chemie zwischen Charakteren 1

Die Figuren bestimmen, wo’s langgeht!

Sonst noch was? Ja. Meine Figuren müssen sich echt anfühlen.

Wenn ein Autor seine Figuren gut kennt, merkt er auch ganz schnell, wenn er versucht, ihnen etwas aufzuzwingen, das er sich in seinem Kopf zwar schön vorgestellt hat, auf dem Papier aber nicht funktioniert. Wenn er es dann doch durchboxt, werden die Charaktere plötzlich unstimmig, Dialoge lesen sich hölzern, Situationen wirken konstruiert und für den Leser ist der ganze Zauber dahin. Um das zu verhindern, bleibe ich beim Schreiben immer flexibel und lasse meine Figuren auch mal von der Leine. Dann wird eine Szene eben nicht so, wie ich das wollte. Ein Satz, den er unbedingt zu ihr sagen sollte, wird gestrichen, weil er jetzt doch nicht passt und gekünstelt wirkt.

Ich hänge nicht zu sehr an meinen eigenen Gedankenkonstrukten, wenn ich merke, dass ich die Figuren dafür verbiegen müsste. Solange ich nicht das Ziel (also den roten Faden und das angestrebte Ende) aus den Augen verliere, kann sich der Weg dahin auch mal ändern. Schließlich führen viele Wege nach Rom.

 


Über die Autorin

Kat ReidKat Reid heißt im echten Leben Katharina Mittmann und wurde 1989 in München geboren, wo sie bis heute lebt. Wenn sie nicht gerade Superheldin spielt und die Welt rettet oder ihren Protagonisten das Herz zerfetzt, studiert sie Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literatur. Mal mehr oder mal weniger motiviert, je nachdem, wie dringend sie gerade Herzen brechen muss. Seit 2015 ist sie im Team der Schreibnacht tätig und betreut dort unter anderem die Schreibwerkstatt. Neben dem Schreiben sind ihre zwei Pferde ihre größte Leidenschaft. Ihr Roman “Dark Wings” erschien 2017 bei Forever by Ullstein. Man findet sie auf Twitter und auf Facebook.

 

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