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Gastautor

Den richtigen Ton treffen – Einblicke in den Alltag eines Übersetzers

Ken Follett, Elena Ferrante und Audrey Carlan – sie alle sind bekannte Namen auf den Bestsellerlisten. Doch dort würden sie nicht landen ohne die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern. Denn erst sie machen die Texte dieser Autorinnen und Autoren weltweit zugänglich und vernetzen somit nicht nur Kulturen, sondern auch Leserinnen und Leser. Der Internationale Übersetzertag am 30. September erweist der Berufsgruppe alle Ehre. Anlässlich dieses Datums haben wir uns mit Übersetzer Peter Groth unterhalten: über Herausforderungen verschiedener Genres, schlaflose Nächte und Glücksmomente.

Header Übersetzertag

Welche Rolle spielt das Genre der Texte für Sie bei Ihrer Arbeit als Übersetzer?

Das Genre spielt bei der eigentlichen Übersetzertätigkeit kaum eine Rolle. Natürlich gehe ich an einen Liebesroman anders heran als an einen Krimi, doch sind das eher Erwartungen, die man aufgrund der Genrezugehörigkeit hat – wenn das Licht im Haus ausfällt, erwarte ich bei einer romantischen Story andere Dinge als bei einem Horrorfilm. Doch das sind Dinge, die sich in der Geschichte entwickeln und die eher durch den Autor bzw. die Autorin gelenkt werden, da diese zuständig für den Plot sind. In einem Sexy Romance-Roman sind die zwischenmenschlichen Begegnungen wesentlich expliziter dargestellt, als wenn es bei einem Thriller zu einer Affäre zwischen dem ermittelnden Cop und der Kriminaltechnikerin kommt, doch das hat in der Regel der Autor bereits so angelegt. Wenn überhaupt, dann spielt es da eine Rolle, wo es um das zielgruppengerechte Schreiben oder Übersetzen geht. Bei Sexy Romances ist die Leserschaft meist jünger als bei den klassischen Liebesromanen, deshalb kann die Sprache ruhig ein wenig knackiger und direkter sein, und natürlich auch moderner.

Gibt es besondere Herausforderungen für Sie je nach Genre? Wenn ja, welche?

Jedes Genre hat seine speziellen Herausforderungen. So sind es bei Thrillern oft die Situationsbeschreibungen, die für den Übersetzer herausfordernd sind (zum Beispiel eine Verfolgungsjagd über mehrere Etagen einer Tiefgarage, oder eine ausgiebige Klettertour in den Alpen). Bei historischen Romanen stellt sich für mich immer die Frage nach der Korrektheit, denn da unterlaufen auch den Autoren und Autorinnen manchmal Fehler (wenn ein amerikanischer Farmer einen Cartoon in der örtlichen Zeitung liest, den es erst seit 1934 gibt, die Handlung aber acht Jahre zuvor stattfindet). Für die Überprüfung solcher Fakten oder die korrekte Beschreibung von Örtlichkeiten ist das Internet eine sehr große Hilfe. So habe ich für die Bergtour eine Online-Wanderkarte und Google-Maps zur Unterstützung genommen, oft sehe ich mir Straßenecken über Google Streetview an, um mir die konkrete Situation vor Augen führen zu können und sie dann angemessen übersetzen bzw. schreiben zu können. Bei Romances spielen solche Aspekte natürlich auch eine gewisse Rolle – da die Handlung auch da in der Regel auf unserem Planeten spielt –, doch die große Herausforderung in diesem Genre liegt eher bei den Innenansichten. Es geht dabei ja sehr intensiv um die Gefühle, Wünsche und Erwartungen, die zwei Menschen zueinander haben. Und der sinnliche Teil ist natürlich ebenfalls nicht zu unterschätzen. Dabei ist es immer wieder spannend, den richtigen Ton zu treffen, die Vorgaben der Autorin bzw. des Autors zu übertragen oder -setzen und zugleich den Anforderungen und Ansprüchen der deutschen Sprache und den Lesegewohnheiten Rechnung zu tragen.

Übersetzertag 1

Sie haben bereits diverse Liebesromane übersetzt, z. B. für Forever by Ullstein. Was übt für Sie den Reiz an der Arbeit mit Liebesgeschichten aus?

Was ich dabei immer wieder als spannend empfinde, das ist das Setting, also die Frage, wer da mit wem unter welchen Umständen zusammentrifft? Schließlich geht es ja um Liebe zwischen Menschen, womit bereits ein gewisser Rahmen geschaffen ist, der dann mit Inhalten gefüllt werden muss. Das spielt für die Geschichte immer eine wichtige Rolle, ob es in der Business-Welt Londons spielt oder in der amerikanischen Provinz, wo großstadtflüchtige Öko-Hippies auf Profisportler beim Ausspannen oder reiche Töchter auf mittellose Landeier treffen. Außerdem finde ich es immer spannend, wie die expliziteren Szenen umgesetzt werden, denn auch da hat man ja zunächst eine überschaubare Menge an – um es mal technisch-nüchtern zu beschrieben – Handlungen und Zubehör, und trotzdem schaffen es die Autorinnen oder Autoren immer wieder, dass es beim Lesen kribbelt – eigentlich wie im richtigen Leben …

Was macht beim Übersetzen besonders viel Spaß und was eher weniger?

Mir gefällt besonders, dass ich beim Übersetzen viel tiefer in Texte tauche, als ich es je beim einfachen Lesen tun würde. Natürlich lese ich den ganzen Text mehr als einmal, doch muss ich mich auch viel stärker mit jeder Formulierung und jedem Satz auseinandersetzen und ihn auf Deutsch nachvollziehen. Denn schließlich nehme ich jedes Wort in die Hand, schreibe im Grunde den Text noch einmal nach und neu. Das ist für mich das Beste am Übersetzen. Und das Unangenehmste ist zugleich auch das Schönste, wenn es nämlich im Text besondere Herausforderungen gibt, Wortspiele, gereimte Liedtexte oder einfach Formulierungen, für die es keine Entsprechungen im Deutschen gibt. Beim Übersetzen wird dadurch der Arbeitsfluss zunächst gehemmt und manchmal überlege ich tagelang, wie ich die entsprechende Stelle übertragen kann. Tja, und wenn es dann gelingt und eine perfekt geeignete Entsprechung gefunden ist, dann ist das, was mir vorher schlaflose Nächte bereitet und mich in jeder freien Minute gequält hat, auf einmal das schönste Erfolgserlebnis.

Übersetzertag 2

Wie schätzen Sie die Relevanz von Übersetzungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ein?

Ich glaube, dass es immer einen großen Bedarf und ein Interesse an Übersetzungen geben wird, was nichts mit der Qualität deutscher Autorinnen und Autoren zu tun hat. Doch die unterschiedliche Herangehensweise an Themen, die unterschiedlichen Blickwinkel aus anderen Kulturen, das wird immer spannend sein und die Leserschaft interessieren. Bei den handlungs- und gefühlsorientierten Genres (Thriller und Romances) ist der leichtfüßige, zugleich stärker auf Effekte setzende Zugang amerikanischer Verfasser und Verfasserinnen häufig Garant für beste Unterhaltung. Bei den deutschen – oder auch französischen – Titeln kann man dafür länger verweilen und sie gehen einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf.


Über den Autor

Peter Groth

Geboren in der Mitte des Ruhrgebiets, lebt Peter Groth nach zehnjährigem Aufenthalt in Transsilvanien jetzt seit acht Jahren in Berlin. Er ist Vater zweier Töchter, hat einen Magisterabschluss in Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft von der Ruhr-Universität Bochum und arbeitet seit drei Jahren hauptberuflich als freier Literaturübersetzer (aus dem Englischen und Rumänischen). Er ist leidenschaftlicher Leser quer durch die Genres.

 

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