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Gastautor

Recherche – das Herzstück eines Kriminalromans

Auf die Frage, was ein guter Kriminalroman beinhalten muss, kommen Antworten wie “Der Anfang muss fesseln”, “Eine leicht zugängliche, spannende, schnelle Handlung”, “Vielschichtige Beschreibungen“, “Interessante Charaktere” und als Sahnehäubchen “Originelle Ideen”. Die Wenigsten aber denken dabei an den Background der Geschichte, das Fundament, auf dem sie steht – die gute alte Recherche.

Recherche für Krimiautoren

Für Krimi- und Thriller-Autoren ist die Recherche besonders wichtig, denn was man bei “Tatort” oder “CSI” im Fernsehen sieht – oder noch besser bei “Mission Impossible” oder “James Bond” im Kino – entspricht meist nicht der Realität. Und was möchte der Leser, wenn er in einen Kriminalroman abtaucht? Genau, richtig recherchierte Unterhaltung!

Eine Kugel, die wie bei dem Actionfilm “Wanted” (Ein Film, in dem ein normaler Kerl in die Auftragskiller-Fußstapfen seines Vaters tritt, um dessen Mörder zur Strecke zu bringen) um die Kurve fliegt, sieht zwar auf der Leinwand ungemein spektakulär aus, gibt es aber physikalisch nicht. Genau wie Geräusche im Weltall – wer an Schlachten á la “Star Trek” denkt. Denn das Universum ist luftleer, ein Vakuum, und im Vakuum kann sich keine Schallwelle ausbreiten.

Wir kommen immer wieder auf die Physik zurück, der alle Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Die Physik ist kreativ, manchmal unverständlich, ein wenig mystisch und trotzdem genau definiert. Wenn man sich verrechnet, kommt Blödsinn raus, und genau so geht es Geschichten, die nicht ordentlich recherchiert wurden. Logiklöcher entstehen, der Autor widerspricht sich selbst. Und das schlimmste Übel von allen: Der Leser fühlt sich über den Tisch gezogen aufgrund schlechter Recherche – denn wenn der Autor seine Geschichte nicht so spannend findet, dass er Wert auf Details legt, wieso sollte der Leser die Geschichte überhaupt lesen?

Bevor man mit dem Schreiben anfängt, sollte ordentlich Recherche betrieben werden, um peinliche Fauxpas auszumerzen und dem Leser eine realistische Geschichte zu präsentieren.

Recherche mit einer Derringer – die richtige Waffe fürs richtige Jahrhundert!

Für meinen Roman musste ich sehr viel recherchieren, denn die Geschichte spielt im viktorianischen London UND ist abgewandelte Historie. Wenn man sich auf derart glattes und dünnes Eis begibt, muss nicht nur der Kleidungsstil der Leute stimmen, sondern auch deren Verhalten, moralische Vorbilder, Straßennamen, Stadtkarten und die Technik. Allein eine Karte für das Jahr zu finden, in dem die Geschichte spielt, war sehr zeitaufwändig. Es gab ungemein viel zu bedenken, wie die Verbindung der beiden Stadtteile durch die Themse. Welche Brücken gab es? Wie sahen sie aus? Wo wurde zu jener Zeit noch gebaut?

Und das Wichtigste an einem Meuchelmörderroman wie meinem: Die Waffen. Kugeln für Schusswaffen konnten damals gekauft werden, doch meist wurden sie selbst gegossen. Das Material musste also recherchiert werden. Wie lud man solche Waffen? Wie schwer waren sie? Welchen Rückstoß musste man abfedern? Wie lange dauerte es die Waffe nachzuladen?

Es dauerte eine Weile, bis ich einen Profi gefunden hatte, aber schlussendlich fand ich jemanden, der mir nicht nur die typischen Waffen des 19. Jahrhunderts in die Hand drücken konnte, sondern mich auch einweihte, wie Kugeln damals gegossen wurden und aus welchen Stoffen sich das Schießpulver zusammensetzte (wie es roch und die Augen reizte, durfte ich dann später hautnah miterleben und selbst testen).

Recherche beim Profi

Wie leicht man den Rückstoß bei solch einer kleinen Waffe unterschätzt, lernte ich an jenem Tag auch schmerzhaft. Zum Vergleich durfte ich mit Westerrevolvern und aktuelleren Waffen (Beretta) schießen – was wesentlich einfacher war. Das alles war ein Erlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde! Am besten ist es in diesem Fall (und jedem anderen, der derart speziell ist), sich einen Profi zu suchen, der einem genau erklären kann, was wie abläuft.

Natürlich muss man sich nicht mit Kabelbinder fesseln lassen, um herauszufinden, wie schnell Scheuerwunden am scharfen Plastik entstehen, aber man sollte mit realistischen Vorstellungen an die Sache gehen. Man muss nicht zwangsläufig selbst zur Waffe greifen, wie ich es getan habe, aber der Besuch eines Schießwettbewerbs des heimischen Schützenvereins kann hilfreich sein. Ein Revolver aus dem mittleren Westen verhält sich von seiner Reaktionszeit und Präzision komplett anders als eine Beretta 92.

Ich war für meine Recherche selbst auf dem Schießstand, denn ich wollte die Empfindungen der Helden so genau wie möglich beschreiben. Wenn man etwas selbst und am eigenen Körper erfahren hat, ist es noch einfacher darüber zu schreiben. Die Rauchentwicklung, der Geruch, die Treffgenauigkeit und das Ausbalancieren der Waffe. Schießen ist eine Kunst für sich und selbst unter fachkundiger Anleitung zittert man dabei vor Angst, Aufregung und Überwindung. Denn den Abzug tatsächlich zu drücken stellt man sich auch oft leichter vor, als es tatsächlich ist.

Stephanie Mühlsteph am Schießstand

Der Leser ist der Experte!

Wessen man sich sicher sein kann: Es gibt immer Leser, die sich mit der Materie besser auskennen als der Autor und bei groben Fehlern vor den Kopf gestoßen fühlen. Fehler sind nur im gewissen Maße erlaubt. Ist die Heldin eine Pädagogikstudentin, sollte ihr Friedrich Kron ein Begriff sein oder wissen, warum der Struwwelpeter als großes Beispiel für die ‘schwarze Pädagogik’ genommen wird. Jede Berufsgruppe besitzt bestimmte Merkmale oder drückt sich anders aus, und auch die Ereignisse, die Held und Heldin zusammenführen, sollten in den Kontext passen.

Es sind die exakten Kleinigkeiten, die einen Roman authentisch und unvergesslich machen.

Niemand verlangt von einem Autor Perfektion, aber ein gewisses Maß an Realismus tut jedem Roman gut – und schafft Identifikationspotenzial für den Leser. Auch für den Experten-Leser. Am schlimmsten hat es jedoch die Autoren getroffen, die historische Romane oder Science Fiction schreiben, da hier geschichtliche und physikalische Feinheiten gefragt sind, die man bei anderen Genres getrost mit Handlung überspielen kann.

Ich google mir die Welt, wie sie mir gefällt?!

Recherche heißt im 21. Jahrhundert nicht mehr, in Bibliothekskellern nach alten Zeitungen zu suchen oder sich die Finger an Magazinen wund zu blättern. Das Internet hat vieles einfacher gemacht. Man kann bequem von daheim aus weltweit in Datenbanken recherchieren oder mittels Google Earth hautnah in der neuen Lieblingsstadt der Romanheldin herumwandeln. Nichts ist unmöglich im World Wide Web. Auf eine Feinheit sollte man bei allem Rechercheoptimismus jedoch achten: Nicht alle Quellen sagen die Wahrheit. Oft ist es sicherer, eine Zweitquelle zu befragen, bevor man eine Information verwendet. Das Internet ist groß und deswegen sollte man vorsichtig sein, damit man keinen Fehlinformationen aufsitzt.

Wichtig dabei ist auch: Nicht alles benötigt eine genaue Recherche. Keinen Leser interessiert es, ob es am 23. August 2015 um 16:43 Uhr wirklich regnete. Nur wichtige Ereignisse – wie ein Tornado, Blizzard, Asteroideneinschläge, Erdbeben oder Sturmflut – sind in diesem Bezug interessant. Insofern ist eine gründliche Recherche gut, aber übertriebene Recherche dagegen schlichte Zeitverschwendung.


Über die Autorin

Stefanie MühlstephAturoin Stephanie Mülhlsteph ist Autorin, Schokoladenliebhaberin, Japanfan, Kaffeesüchtige und Morgenmuffel.

Stefanie im Web: Twitter Facebook Homepage

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