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Gastautor

Recherchereisen – Wie entwerfe ich das Setting eines Romans?

Einblicke in den Alltag einer Autorin: Die Romane der Autorin Sandra Åslund um die Kommissarin Hannah Richter spielen in der Provence, genauer gesagt in und um den Touristenort Vaison-la-Romaine. Hier erzählt die Autorin vom Setting für ihre Bücher und davon, wie die Idee entstand, in dieser malerischen Landschaft eine Krimireihe anzusiedeln.

Tödliche Provence

Die Idee entsteht

Zu Frankreich, besonders zur Provence, habe ich seit meiner Jugend eine enge Verbindung. Vor vielen Jahren erwarben meine Eltern eine kleine Ferienresidenz in der Nähe von Vaison, und so verbrachte ich einen Großteil meiner freien Zeit dort. Irgendwann im Sommer 2010, unter diesem leuchtend blauen Himmel mitten in der Natur, den Duft von wildem Thymian und Oregano in der Nase, kam mir der Gedanke: „Hier ist es so wunderschön, so idyllisch – genau hier müsste etwas richtig Schlimmes passieren …“ Die Idee für meinen ersten Kriminalroman war geboren!

Frau Aslunds Eindrücke von der Provence

Recherche: In der Gendarmerie von Vaison

Aber wie wird in Frankreich überhaupt ermittelt? Ich wusste nichts über die französische Polizei. Also führte mich einer meiner ersten Wege zur Gendarmerie von Vaison-la-Romaine. Ich hatte Glück: Ein junger Gendarm nahm sich die Zeit, mir das französische Polizeisystem zu erklären, das sich deutlich vom deutschen unterscheidet. Das Blatt, auf dem er mir die Hierarchie skizzierte und daneben vermerkte, welche Institutionen beispielsweise für die Spurensicherung und die Obduktion zuständig sind, hüte ich wie meinen Augapfel.

Notizen zur Recherche in Frankreich

Während meines Besuchs in der Gendarmerie erschien auch der Capitaine der Brigade und betonte freundlich aber bestimmt: „Wir hier bei der Gendarmerie haben allesamt eine Offizierausbildung genossen.“

Die Protagonistin und ihr Umfeld

Auch deswegen war mir schnell klar, dass ich keinen typischen französischen Ermittler wollte. Eine Deutsche sollte es sein, eine Polizistin, die sich in der Arbeitswelt dieses Landes zurechtfinden und behaupten musste – und so entstand die Idee zu Kommissarin Hannah Richter, die eigentlich bei der Kripo in Köln arbeitet und durch ein EU-Austauschprogramm in die Provence kommt.

Sobald meine Hauptcharaktere feststanden, habe ich mir überlegt, wie ihr Alltag und ihr Wohnort aussieht. Dazu bin ich viel in der Provence umhergewandert und habe so zum Beispiel das Vorbild für Penelopes einsam gelegenes Häuschen mit großem Gemüsegarten gefunden sowie das Weingut, auf dem in meinen Büchern Anatole lebt. Mithilfe von Fotos der Häuser und der Umgebung kann ich mich, zurück an meinem Schreibtisch in Deutschland, wieder leicht in ihre Welt versetzen.

Frau Aslund entdeckt ein altes Weingut in der Provence

Meine Ermittlerin Hannah Richter ist mit ihrer Leidenschaft für die römische Antike in der Provence und insbesondere in Vaison bestens aufgehoben, befindet sich doch in dem idyllischen Städtchen die größte gallo-romanische Ausgrabungsstätte Frankreichs.

Römische Schätze in der Provence

In Band 1 spielen die römischen Sehenswürdigkeiten eine herausragende Rolle, aber auch in Band 2 kommen einige der antiken Orte vor. An diesen Plätzen habe ich viel mit meiner Kamera recherchiert und in unzähligen Notizen versucht, örtliche Gegebenheiten und alle erdenklichen Details, wie zum Beispiel Gerüche und Geräusche, einzufangen.

Setting: Die Tatorte

Aquädukt in Frankreich

Wenn man aufmerksam hinsieht und beobachtet, zeigt einem die Realität tolle Möglichkeiten, die man beim Schreiben verwenden kann. Beispielsweise wollte ich in Band 1 einige Szenen im antiken Theater in Orange stattfinden lassen. Also sah ich mich dort genau um und fand eine Stelle, an der ein Eindringling das Gelände unbemerkt bei Nacht verlassen konnte. Ebenso erging es mir im Amphitheater in Nîmes. Ich war sehr überrascht, dass es am oberen Rand des Theaters keine Absperrungen gab. Hinter der niedrigen Abschlussmauer ging es steil in die Tiefe – perfekt für einen Krimi!

Ein weiterer Tatort, der in einem meiner Bücher vorkommt, ist ein leerstehendes Château. Auch zu diesem gibt es eine reale Vorlage in der Nähe von Vaison. Bis heute frage ich mich, was sich tatsächlich in diesem alten Gemäuer abspielt. Das unbehagliche Gefühl, das mich dort heimsuchte, musste ich gar nicht erst erfinden. Es lohnt sich also immer, die Gegend, in der man seine Geschichten ansiedelt, genau unter die Lupe zu nehmen. Umso leichter ist es, später darüber zu schreiben.

Ein verlassenes Haus in der Provence

Der Ausnahmefall: Recherchearbeit abgeben

Sollte ich es einmal nicht schaffen, einen der Orte, die ich verwende, persönlich zu erkunden, suche ich mir jemanden, der schon dort war, in der Nähe lebt oder bald hinreist. Selbst wenn man heutzutage dank des World Wide Web vieles bequem von zu Hause aus herausfinden kann, ist diese Art der Recherche für mich essentiell, um so authentisch wie möglich schreiben zu können.Frau Aslund blickt über die Provence


Autorin Sandra ÅslundÜber die Autorin

Sandra Åslund, geboren 1976, ist am Niederrhein nahe der holländischen Grenze aufgewachsen. Sie studierte zunächst Lehramt, bevor sie sich zur Maskenbildnerin an der Oper Köln ausbilden ließ. Aus Liebe zum Schreiben absolvierte sie zusätzlich ein Fernstudium in Kreativem Schreiben an der Textmanufaktur. Die Autorin veröffentlichte unter ihrem Mädchennamen Sandra Maus bereits diverse Kurzgeschichten und Erzählungen in Anthologien sowie den Erzählband »Vielleicht war es nur der Wind«. Sie ist Mitglied im Autorenkreis Würzburg und bei den Mörderischen Schwestern. Von 2007 bis 2011 moderierte und gestaltete sie das Kleinkunstformat LiteraturLounge. Mit ihrem Roman »Mord in der Provence« startete die Autorin ihre Krimireihe um die Kölner Kommissarin Hannah Richter. Sandra Åslund lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Berlin.

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