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Wenn die Deadline naht – Tipps von Autorin und Journalistin Eva Pfeiffer

Knappe Deadlines gehören für Eva Pfeiffer als Journalistin und Autorin zum Arbeitsalltag – eine Erfahrung, die auch die Protagonistin in ihrem Debütroman „Off the record“ macht. Mit diesen Tipps von Eva Pfeiffer wird das Schreiben unter Zeitdruck leichter.

Wenn die Deadline naht – Tipps von Autorin und Journalistin Eva Pfeiffer

Mein erstes Deadline-Desaster war Matthias Platzeck. Es ist ein paar Jahre her, der Sommer hatte gerade begonnen, und ich war gestresste Volontärin bei einer Tageszeitung in Niedersachsen. Platzeck, damals SPD-Ministerpräsident von Brandenburg, hatte ein Buch geschrieben und würde es am Abend auf einer Kleinstadt-Veranstaltung vorstellen. Darüber sollte ich berichten, aktuell, wie man sagt, was bei Print bedeutet: Der Artikel war für die Titelseite des morgigen Lokalteils eingeplant, musste also nach der Veranstaltung geschrieben werden. Die Zeit war knapp bemessen, doch das war normal.

Nach der vierten Zugabe der Dixieland-Band aus dem Vorprogramm rief ich die Redaktionsleiterin an. Der Andruck rückte näher, und auf dem Lokaltitel: ein weißer Textkasten mit mehr als 60 leeren Zeilen. Wir beschlossen, abzuwarten. Platzeck sei so gut wie da, rief ein Parteikollege ins Mikro. Er sollte das nicht zum letzten Mal sagen. Die Band spielte noch mehr Dixieland, die Luft in der Veranstaltungshalle wurde stickiger und ich nervöser. Als Platzeck am Ende mit fast einer Stunde Verspätung auf die Bühne trat, blieben mir wenige Minuten, um eine Handvoll Zitate zu notieren, dann rannte ich zurück in die Redaktion.

Die Deadline: nicht verhandelbar

Und da war sie: die Deadline, nicht verhandelbar. Weniger als eine halbe Stunde bis zum Andruck. Ich musste die Zeilen füllen – und haute in die Tasten. In den ersten Minuten überkam mich eine seltsame Ruhe, darauf folgten Herzklopfen, ein heißer Kopf und schließlich die Erkenntnis: Dieser Artikel wird bis zum Andruck fertig. Einfach weil er muss. Ein Glanzstück ist es nicht geworden.

Das sollte nicht meine letzte Deadline sein, bei Weitem auch nicht die dramatischste, denn Hausbrände oder Autounfälle nehmen in der Regel keine Rücksicht darauf, wann eine Zeitung in Druck geht. Doch es war die erste Deadline, die mich ins Schwitzen brachte. Aus ihr und den anderen Deadlines habe ich Lektionen gelernt, die mir als Romanautorin helfen.

Du denkst, du schaffst es nicht bis zur Deadline? Fang trotzdem an.

Bis zur Manuskriptabgabe hast du noch zwei Abende nach der Arbeit Zeit, aber du willst diese eine faszinierende Nebenfigur noch deutlich ausbauen? Versuch es, sei zuversichtlich. Es passiert mir immer wieder, dass ich am Ende schneller bin, als ich anfangs dachte. Dazu ist es aber wichtig, loszulegen.

Eva Pfeiffer - Off the record

Der erste Satz muss nicht perfekt sein – jedenfalls nicht im ersten Textentwurf

Kreative Geistesblitze sind etwas Großartiges. Egal, ob am Anfang eines Romans, eines Kapitels, einer alles entscheidenden Szene, einer Kurzgeschichte oder eines Zeitungsartikels: Es hilft für den Schreibfluss und die eigene Stimmung ungemein, mit einem Knallersatz einzusteigen. Danach schreibt es sich wie von selbst weiter. Nur leider lauern die Ideen dafür nicht hinter jeder Ecke. Manchmal weiß man zwar, was man schreiben möchte, doch der Einstieg will einfach nicht recht gelingen. Das stumme Ticken der Uhr rechts unten in der Taskleiste des Computerbildschirms macht es nicht besser. Man tippt einen Satz, löscht ihn, überlegt, macht das Löschen rückgängig, liest den Satz erneut, löscht ihn wieder, tippt einen anderen Satz und so weiter. Das frustriert, deshalb: Schluss damit. Lass den ersten Satz stehen, und schreibe weiter. Du wirst den Text später sowieso überarbeiten, und vielleicht kommt der Geistesblitz dann. Wenn du dich jedoch ewig an den ersten Wörtern aufhältst, wird es am Ende keinen Text zum Überarbeiten geben – was zu einer der für mich wertvollsten Deadline-Erkenntnisse führt:

Schreibe deinen Text nicht während des Schreibens um.

Ich mag es, meinen ersten Textentwurf zu lesen und dabei hübsch zu machen. Es ist weniger anstrengend als das Schreiben zuvor, und das Ergebnis liest sich gleich besser. Jedes Mal, wenn ich nach einer Pause an einem längeren Text weiterschreiben will, gerate ich in Versuchung, das bisher Geschriebene zu redigieren, anstatt den Text zuerst zu beenden. Inzwischen gelingt es mir, der Versuchung zu widerstehen. Schreiben und Redigieren sind zwei einzelne Arbeitsschritte – in dieser Reihenfolge. Wenn man den zweiten vorzieht, kostet das Zeit, die man womöglich nicht hat. Warum es so wichtig ist, zuerst den Textentwurf fertigzustellen? Weil während des Schreibens oft Zusammenhänge und Bezüge deutlich werden, die man vorher nicht gesehen hat. Vielleicht hat man dann eine Stunde lang an einem Absatz gefeilt, um ihn am Ende mit Blick auf den Gesamttext rauszuwerfen.

 

Überhaupt, das Feilen am Text. Es würde der Qualität einiger Medien guttun, wenn in den Redaktionen dafür mehr Zeit wäre. Am eigenen Roman möchte und sollte man natürlich besonders intensiv feilen, um ihn so perfekt wie möglich in die Hände eines Verlags oder einer Agentur zu geben. Doch wie merke ich, ob ich genug gefeilt habe – vor allem, wenn die Abgabe-Deadline naht? Die gute Nachricht ist:

Dein Text wird nicht immer besser, je länger du daran arbeitest.

Diese Erkenntnis war eine echte Erleichterung für mich. Ich habe gelernt, meinem Gespür zu vertrauen, denn es gibt tatsächlich dieses Gefühl, das irgendwann eintritt und mir sagt: Selbst wenn du diesen Text jetzt noch dreimal liest und dir weiter den Kopf darüber zerbrichst, ob deine Protagonistin nun „grinst“ oder doch eher „lächelt“ – besser wird er nicht mehr, zumindest nicht heute. Das Gefühl ist eine Mischung aus Übersättigung und Textblindheit, ein bisschen so, als würde man gegen eine Wand laufen.

Dagegen hilft, eine Nacht über alles zu schlafen und sich den Text am nächsten Morgen noch einmal vorzunehmen. Ein paar Stunden Abstand ermöglichen es, das Geschriebene aus einer frischen Perspektive zu betrachten. Wenn das Gefühl dann aber immer noch da ist, bedeutet das für mich: genug gefeilt.

Eva Pfeiffer - Schlafen ist wichtig!

Natürlich gibt es wesentlich luxuriösere Szenarien, zum Beispiel, wenn man eine Woche oder länger Zeit hat, um seinen Text ruhen zu lassen oder ihn anderen zum Lesen zu geben. Ein Freund von mir ist mein kreativer Sparringspartner: Wenn ich mich in einer Szene festgebissen habe, rede ich mit ihm darüber, und während des Gesprächs kommen mir häufig neue Ideen. Doch hier geht es nicht um den Idealfall in einer idealen Autorenwelt. Hier geht es um den unbarmherzigen Countdown bis zur Textabgabe, um Situationen, in denen womöglich auch keine Nacht Zeit ist, um Abstand zu gewinnen. Selbst dann, meine ich:

Pausen sind wichtig – vor allem, wenn die Deadline naht.

Den Blick aus dem Fenster schweifen lassen, zum Briefkasten gehen, Kaffee kochen, die Katze streicheln, drei Sätze mit einem menschlichen Wesen wechseln: Das alles kann dem Schreibprozess helfen, weil es dem Gehirn eine Verschnaufpause gönnt. Zugegeben, manchmal ist selbst das nicht drin, so wie in meinem Platzeck-Beispiel. Doch vielleicht helfen dir meine Deadline-Erkenntnisse, erst gar nicht in diese Situation zu kommen.


 

Pfeiffer_Eva_c_Silvie_TillardÜber die Autorin

Eva Pfeiffer, geboren 1982, studierte Ethnologie und Politikwissenschaft in Heidelberg und Wien, bevor sie begann, als Redakteurin für verschiedene Zeitungen und Magazine zu schreiben. Ihre Erfahrungen im Lokaljournalismus verarbeitete sie in ihrem Debütroman “Off the record – So schreibt man Liebe”. Heute lebt sie in München. Außer dem Schreiben liebt sie Musik, Filme, Serien und Reisen. Hier geht es zu ihrer Webseite und ihrem Instagram-Profil.

Kommentare (2)

Eva Pfeiffer schrieb am 15.08.2017 um 11:31Uhr:

[…] Beitrag auf dem Ullstein-Autorenblog I Love Writing (Text hier online lesen) […]

Silke Bianca schrieb am 04.09.2017 um 18:36Uhr:

Hey, wirklich toll von deinen Erfahrungen berichtet. Ich glaube deine Tipps könnten mir bei meinem ersten Roman helfen. Danke!!! LG, Bia

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