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Die Krimi-Autorin: Wann sie kam, was sie kann

Frauen, die Kriminalliteratur schreiben, sind kein neues Phänomen. Doch erst in den letzten Jahrzehnten sind sogenannte „Frauenkrimis“ so akzeptiert, dass der Markt boomt und auch die Ermittler zunehmend zu Ermittlerinnen werden. Wir werfen einen Blick darauf, wo die Anfänge dieser Entwicklung liegen und welche berühmten Kommissarinnen sie hervorgebracht haben.

Die Krimi-Autorin: Wann sie kam, was sie kann

1. Die Krimi-Autorin: Ab wann schreiben Frauen Verbrechen?

Obwohl der erste Kriminalroman Edgar Allan Poe – und somit einem Mann – zugeschrieben wird, haben sich Frauen dem Genre etwa zeitgleich zugewandt. Bereits 1866, 24 Jahre nach Poes Erfolg, erschien Seeley Regesters „The Dead Letter. An American Romance“. Sie gilt als die erste Frau, die einen Krimi veröffentlicht hat. Dies heißt jedoch noch lange nicht, dass sie die erste war, die einen schrieb! Viele Krimi-Autorinnen sind den Überlieferungsprinzipien der damals eher männlich geprägten Diskurse zum Opfer gefallen. Dabei hat die Geschichte des Krimis nicht wenige Frauen zu bieten: Auf Regester folgten Ann Katherine Green und Auguste Groner. In den 1920er Jahren, dem sogenannten „goldenen Zeitalter des Detektivromans“, gesellten sich Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham hinzu. Über Autorinnen wie Dorothy Uhnak, Marcia Muller, Patricia Highsmith und Ruth Rendell, deren Werke von der zweiten Frauenbewegung beeinflusst wurden, entwickelte sich Kriminalliteratur, was heute in Buchhandlungen zu finden ist: Im deutschen Sprachraum schreiben im Jahr 2018 unter vielen anderen Frauen beispielsweise Nele Neuhaus, Beate Sauer und Martina Richter über Mord und Totschlag. Kriminalliteratur von Frauen war und ist immer auch Literatur, die sich in dem lange Zeit von Männern beanspruchten Genre einen Platz erkämpfen muss. Trotz der oft blutigen Themen der Werke geschah das jedoch niemals gewalttätig. Autorinnen eroberten sich auf dem Papier die Nischen, die im Krimi noch nicht besetzt waren, und begründeten ein Genre, das vereinfacht als „Frauenkrimi“ bezeichnet werden kann.

2. Berühmte Ermittlerinnen

Die Besonderheit weiblicher Krimi-Narrative zeigt sich schon in der Wahl und Gestaltung der Ermittlerfiguren. Auch wenn einige der berühmtesten Autorinnen männliche Kommissare erschufen, wie zum Beispiel Auguste Groner den Detektiv Joseph Müller, lässt sich für Krimis doch sagen: Frauen schreiben meist über Frauen.  

„Armchair Detectives“

In der Anfangszeit des Krimis stellten Autorinnen dem rationalen, intellektuellen und oft arroganten männlichen Detektiv eine Frau gegenüber, die neue Qualitäten in die Welt der Verbrechen einbrachte. Im Gegensatz zu den männlichen Profis, wie unter anderen dem bekannten Sherlock Holmes, waren Ermittlerinnen oft als Hausfrauen angelegt, die eher zufällig über Kriminalfälle stolperten und diese dann vor allem mit Intuition und guter Beobachtungsgabe lösten. Dass Protagonistinnen damit gerade in den Anfangsjahren des Krimis sogenannte „Armchair Detectives“ waren, die nie direkt mit dem Tatort in Kontakt kamen, liegt vielleicht daran, dass auch die Autorinnen selbst nur selten beruflich tätig waren. Sie waren meist Hausfrauen und Mütter, die über die Rollen schrieben, die sie kannten. Agatha Christie wurde von ihren KritikerInnen oft auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter verwiesen. 1930 schuf sie die alte Jungfer Miss Marple, die harmlos erscheint, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Die betagte, strickende Dame klärt Verbrechen auf, indem sie die Augen offen hält und Gespräche führt. Anna Katherine Greens Amelia Butterworth und Patricia Wentworths Miss Maud Silver sind ebenso gewitzte Seniorinnen, die aus einem häuslichen Umfeld heraus agieren.

Berufsdetektivinnen

Im Jahr 1977 betrat mit Marcia Mullers Sharon McCone die erste Berufsdetektivin die Bühne der Krimiliteratur. Und sie blieb nicht allein: In den folgenden Jahrzehnten fanden viele professionelle Ermittlerinnen den Weg in die Bücherregale. Doris Gerckes Bella Block beispielsweise schaffte es – neben anderen Kommissarinnen – sogar auf die Fernsehbildschirme. Mittlerweile lassen sich Ermittlerinnen in ihren Aufgabenbereichen wenig einschränken. Dass sie sich im 21. Jahrhundert trotzdem noch in einem von Männern dominierten Umfeld bewegen, thematisieren auch moderne Autorinnen.

Die Krimi-Autorin: Wann sie kam, was sie kann

 3. Was zeichnet Ermittlerinnen aus?

In welchen Eigenschaften unterscheiden sich Detektivinnen und Detektive denn nun voneinander?

Scharfe Beobachtungsgabe

Ermittlerinnen agieren in ähnlich gewalttätigen Umgebungen wie ihre männlichen Gegenspieler. Sie beweisen dabei jedoch oftmals ein schärferes Auge, ganz besonders in historischen Detektivromanen – so beispielsweise die bereits erwähnte Miss Marple. Dieses Charakteristikum liegt in dem historisch meist engeren Handlungsspielraum von Frauen begründet. Gesellschaftlich reguliert, mussten Frauen sich auf Beobachtungen verlegen, statt direkt ins Geschehen zu springen – und müssen es manchmal heute noch. Deswegen fühlten und spürten besonders die frühen Ermittlerinnen nach, wo Männer bereits verhörten und verfolgten. Sie kombinierten und überprüften ihre Informationen. Und sie hakten bei den richtigen Personen und Institutionen nach, bevor sie den Täter oder die Täterin enttarnten.

Durchsetzungsfähigkeit

Moderne Ermittlerinnen verdanken es mehreren Wellen des Feminismus, dass sie regulär im Polizeidienst agieren und einen raueren Tonfall sowie unmittelbarere Aktionen an den Tag legen können. Maria Gronaus Kommissarin Lena Wertebach zum Beispiel ist an Pragmatismus und Kaltschnäuzigkeit kaum zu überbieten. Ob sie sich damit an männliche Kollegen anpasst, sich ihnen gegenüber behaupten will, oder ob sie einfach so ist, lässt Gronau offen. Sie hat ihrer Figur zudem einen Sohn an die Seite geschrieben.

Mit beiden Beinen im Leben

Meist werden in Frauenkrimis Berufs- und Privatleben der Detektivinnen gleichermaßen dargestellt. Ermittlerinnen sind neben Verbrechensbekämpferinnen Figuren, deren Alltag im Plot ebenso viel Relevanz zukommt wie ihrer Detektivarbeit. Die Art und Weise, wie berufstätige Frauen ihren Alltag bestreiten, wird jedoch auch oft kritisch betrachtet. So werden Themen wie Sexismus und Diskriminierung nicht ausgespart, sondern je nach Autorin mitunter sehr direkt angesprochen. Über die Heldin einer US-amerikanischen Krimireihe, Kate Fansler, liest man im Roman „Death in a Tenured Position“:

„Determined to be a professional woman when such a determination was, in her milieu, more than mildly eccentric, she had become a Professor of Literature at one of New York’s largest and most prestigious universities. Late in life – at least as these things go – she had married a man who offered companionship rather than dizzy rapture  […].

Auch Kommissarin Jana Winter behauptet sich in der ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“ gegenüber ihren Kollegen.

4. Gibt es „den“ Frauenkrimi?

Verallgemeinerungen in diesem Genre sind ebenso wenig möglich wie in anderen. Männer können über Frauen schreiben, Frauen über Männer. Ermittlerinnen sind manchmal platte Stereotype eines Kommissars, wohingegen manche Detektive auch schon im 19. Jahrhundert ab und an von zu Hause aus agiert haben. Doch im Jahr 2018 spricht der Markt für sich: Krimiautoren schreiben zunehmend unter weiblichen Pseudonymen und betreiben eingehende Recherche, um glaubhafte Protagonistinnen erschaffen zu können. Diversität wird heute glücklicherweise also auch in Kriminalromanen sichtbar.


Quellen:
https://femkrimi.wordpress.com/willkommen/kurze-einfuhrung-in-die-geschichte-feministischer-kriminalliteratur/
https://literaturkritik.de/id/22332 https://www.zdf.de/filme/der-fernsehfilm-der-woche/kommissarin-jana-winter-ganz-privat-100.html
https://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2017/08/men-are-pretending-to-be-women-to-write-books/535671/
https://derstandard.at/1369362927549/Frauen-und-Krimi-Frauenkrimi-Frizzoni https://www.lovelybooks.de/buecher/krimi-thriller/Die-spannendsten-Krimis-mit-weiblichen-Ermittlern-1210420173/
Evelyne Polt-Heinzl: Frauenkrimis – Von der besonderen Dotation zu Detektion und Mord. In: Friedbert Aspetsberger und Daniela Strigl: Ich kannte den Mörder, wußte nur nicht wer er war. Zum Kriminalroman der Gegenwart. Innsbruck [u. a.] 2004, S. 144–170.

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