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Plagiat oder Inspiration? Ausleuchtung einer Grauzone

Bei inhaltlichen Verweisen oder Ähnlichkeiten ist der Grat zwischen Plagiat und Hommage oft ein sehr schmaler. Während Helene Hegemanns Axolotl Roadkill vom Feuilleton scharf kritisiert wurde, konnte die 50-Shades-Romanreihe als “Fan Fiction” der “Twilight”-Reihe große Erfolge erziehen. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir uns in der Literaturgeschichte umgesehen und hilfreiche Hinweise gesammelt, die gerne so übernommen werden dürfen.

Plagiat oder Inspiration

Wissenschaftliches Arbeiten – eine klare Angelegenheit

Das Urheberrecht geht auf die alten „Druckerprivilegien“ zurück und schützte später auch den Urheber selbst. Das Recht der „geistig Arbeitenden“ entwickelt, die eine originäre Idee ihr Eigen nennen können. Beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit ist die Sachlage relativ klar: Um einen Austausch und wissenschaftliche Weiterentwicklung zu ermöglichen, müssen Erkenntnisse natürlich aufeinander aufbauen. Die VerfasserInnen dürfen bereits entwickelte Ideen nutzen, wenn sie als solche kennzeichnet werden. Durch Fuß- oder Endnoten ist das wissenschaftliche Arbeiten nachvollziehbar und Thesen können untermauert werden. Fehlen die entsprechenden Kennzeichnungen jedoch, wurde plagiiert. Und dies hat Folgen, wie dr Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und die Plagiatsaffäre der ehemaligen Bildungsministerin Annette Schavan zeigen.

Plagiate in der Literatur: Geklaut wurde schon immer

Die Literatur allerdings kennt meist keine Fußnoten. Shakespeare, Molìère, Diderot, Stendhal, Büchner – sie alle haben von anderen Autoren abgekupfert. Aber kann bei kreativen Ideen überhaupt festgestellt werden, woher sie kommen? Wie der Geistesblitz entstanden ist? Die Muse kann ein Gespräch gewesen sein, ein Bild oder eben auch eine Passage in einem Buch. Der Ursprung wird vergessen, die Inspiration jedoch bleibt und trägt ihre Früchte.

Brecht im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit

Der Dramatiker Bertolt Brecht hat sich für die Songs seiner Dreigroschenoper bei dem Dichter Francois Villon nicht nur Inspiration, sondern insgesamt 25 Verse geholt. Sie sind identisch mit der Übersetzung von K. L. Ammer und wurden an keiner Stelle erwähnt oder gekennzeichnet. Brechts Meinung nach bestand darin auch keine Notwendigkeit, denn im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit war in seinen Augen die Frage nach der Originalität eines Kunstwerks gar nicht mehr von Belang. Er entschuldigte sich mit seiner „grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“.

Allerdings würden dies Juristen ganz anders sehen: Denn laut Definition ist ein Plagiat die Vorlage eines fremden Werkes als eigenes Werk – oder als Teil eines eigenen Werkes. Es kann sich dabei sowohl um eine exakte Kopie, eine Bearbeitung, eine Nacherzählung (wenn die Struktur übernommen wurde) oder eine Übersetzung handeln.

Plagiat oder Inspiration

Rechtliche Auswirkungen – ein Blick in die Geschichte

Brecht hat die Verse von Villon Wort für Wort übernommen – eindeutiger geht es also nicht. Schwieriger liegt der Fall, wenn die Übernahme einer Geschichte, eines Plots, vorliegt. Gerade dann wird besonders oft geklagt; mit sehr unterschiedlich ausfallenden Urteilen: Beispielsweise wurde dem Bestseller-Autor Dan Brown von zwei Historikern vorgeworfen, die zentralen Thesen aus ihrem Buch Der heilige Gral und seine Erben für seinen Thriller Sakrileg verwendet zu haben. Die Klage wurde abgewiesen – Brown hatte nie bestritten, das Buch als Hauptquelle benutzt zu haben.

Auch die Klage gegen die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel wurde in letzter Instanz zu ihren Gunsten entschieden. Der Sachbuchautor Peter Leuschner monierte, dass Schenkel in ihrem Kriminalroman Tannöd Szene- und Handlungselemente übernommen habe, die aus seinem Sachbuch Der Mordfall Hinterkaifeck stammen.

Helene Hegemann stand ebenso im Fadenkreuz: In ihrem Debütroman Axolotl Roadkill wurden nachweislich Passagen identifiziert, die aus dem Roman Strobo des Berliner Autors Airen stammen. Der Skandal um das Wunderkind war perfekt. Axolotl Roadkill wurde dennoch auf der Leipziger Buchmesse nominiert. In den Folgeauflagen wurde ihre Inspirationsquelle genannt und man einigte sich außergerichtlich.

Fifty Shades of Grey – Grauzone Fan Fiction

Immer häufiger werden Plagiatsvorwürfe gegen erfolgreiche Autoren laut. Warum also wurde nicht auch die Autorin E. L. James für ihr überaus erfolgreiches Buch Fifty Shades of Grey, dessen ursprüngliche Protagonisten die aus Stephenie Meyers Twilight-Saga bekannten Charaktere Bella Swan und Edward Cullen waren?

Es handelt sich um den besonderen Fall der „Fan Fiction“. Hier finden Fans de facto ihre Inspiration in ihren Lieblingsbüchern, in Filmen, Serien etc. Sie schreiben für ihre Helden ganze Welten – zum Vergnügen, aus Liebe zu den Protagonisten und aus purer Lust am Schreiben. So auch James´ Roman. Sie erschuf ein „Alternative Universe“, indem sie die existierenden Figuren in signifikant andere Lebensumstände versetzt und mit ihnen eine neue Geschichte erzählt hat. Ist das Ideenklau? Ein Plagiat?

In Amerika fällt Fan Fiction unter die Regelung des „Fair Use“, die das Verwenden geschützten Materials unter Auflagen erlaubt: Die Bedingung: Die Texte müssen „der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktionen dienen“ (vgl. § 207 des US-amerikanischen Copyright Acts). In Deutschland bewegt sich das Schreiben von Fan Fiction in einer rechtlichen Grauzone: Auch wenn die Geschichten nicht kommerziell vertrieben werden – sobald sie im Internet veröffentlicht sind, steht es dem Rechteinhaber frei, sie löschen zu lassen. Stephenie Meyers hat sich kulant gezeigt und E. L. James hat Glück gehabt.

Plagiat und Inspiration

Plagiate vermeiden – Ein kleiner Wegweiser

    • Wer schreibt, liest auch. Notiere dir deshalb den Namen deiner Muse, wenn dir eine Idee kommt – also Titel und Autor des gerade gelesenen Buchs. So vergisst du nicht, woher du deine Inspiration hattest.
    • Dasselbe gilt natürlich auch für Filme, Theaterstücke etc. Spannende Geschichten finden sich überall!
    • Es ist überhaupt keine Schande, sich von anderen inspirieren zu lassen, sondern zeigt nur deine Kreativität. Gib deshalb deine Quellen immer in der Veröffentlichung an – sei es als E-Book oder Print. Das muss nicht in Fußnoten geschehen; ein Anhang mit Quellenangaben reicht vollkommen.
    • Du möchtest auf Nummer sicher gehen? Dann kannst du spezielle Software nutzen, mit der du Textpassagen abgleichen kannst. Hier ein paar Beispiele: PlagScan, Plagtracker oder PlagAware
    • Eine Danksagung oder eine wie auch immer geartete Ehrung kann ebenfalls viel bewirken. Dan Brown hat zum Beispiel die Namen der beiden Historiker, deren Buch ihm als Inspirationsquelle diente, als Anagramme in seinem Buch verewigt.
    • Und wer sich näher für die Ambivalenz des Plagiierens interessiert, dem sei zuletzt noch dieses lesenswerte Buch empfohlen: Philipp Theisohn, Plagiat. Eine Unoriginelle Literaturgeschichte, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2009.

Quellen:
http://plagiat.htw-berlin.de/ff-alt/02geschichte/literatur.html

https://www.bachelorprint.de/plagiate/

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/plagiate-willkommen-im-glashaus-der-weltliteratur-122651.html

http://www.sueddeutsche.de/kultur/prominente-plagiate-seins-oder-nicht-seins-1.55661-3

https://www.lesen.net/diskurse/aus-dem-netz-in-die-oeffentlichkeit-der-aufstieg-der-fanfiction-18954/

http://www.zeit.de/2010/08/Helene-Hegemann-Plagiat

http://www.deutschlandfunkkultur.de/geschichte-des-literarischen-diebstahls.950.de.html?dram:article_id=138457

http://literaturkritik.de/id/20810

Kommentare (1)

10 hilfreiche Tool-Tipps für digitale AutorInnen schrieb am 29.05.2018 um 15:13Uhr:

[…] hilfreich können Programme wie PlagScan, Plagtracker oder PlagAware sein. Lies auch gerne in diesem Beitrag nach - hier haben wir einen kleinen Wegweiser zum Vermeiden von Plagiaten für euch […]

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